Buchtipps Winter 2019/20

Belletristik

Olga Tokarczuk: "Unrast"

Literatur-Nobelpreis 2018!

Breit angelegter Roman über eine moderne conditio humana. (DR)

Müsste man ein Personeninventar für "Unrast" erstellen, würde dies folgendermaßen lauten: Suchende, Irrende, Flüchtende und Getriebene, Verschwindende, Zurückkehrende und endgültig verloren Gehende. Als Schauplätze müsste man nennen: die Ideenwelt im eigenen Kopf und den ganzen Erdball. Letzterer ist bei Tokarczuk auch in Zeiten der Globalisierung keineswegs auf eine überschaubare Dimension geschrumpft. Und der Handlungsstrang? Der ist zerfasert in eine Vielzahl von Einzelgeschichten, die alle vom Reisen handeln. Spontan begonnene und abrupt beendete Reisen gibt es da, Reisen ohne Ziel und solche, die nur um ihrer selbst willen gemacht werden, erste und letzte, alltägliche und außergewöhnliche Reisen, Zeitreisen, Gedankenreisen und Reisen in die Mythologie oder in spezialisierte Wissensgebiete wie die Plastination.

Ein ausuferndes Kompendium an Erzählungen, Notizen und Reflexionen erwartet den Leser in diesem Roman. Zeitlich und gedanklich überschreitet er Grenzen, räumlich setzen ihm nur die ihn umschließenden Buchdeckel einen Anfangs- und Endpunkt. Genau diese Fülle macht diesen sehr modernen Zustand der Unrast erfahrbar, der als inhaltliche Klammer fungiert und zu Recht den Titel der deutschen Übersetzung bildet. Polyphon und global, anspruchsvoll und lohnend.

Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Eva Unterhuber


 

Krimi

Manfred Wieninger: "Kalte Monde"

Manfred Wieninger hat einen hinreißenden Provinzroman geschrieben, der sich mit fahrlässig bösen und grottenschlechten Menschen herumschlagen muss. Die Figuren sind so abgefackt, dass man sich als Leser schon wieder mit ihnen solidarisiert. Aus allen Ecken springt einen die jüngere Zeitgeschichte an, unter der Schneedecke der Hinterhöfe, auf den brüchigen Hochständen der Jägerei und unter den Abbruchhäusern einstiger Idyllen kriecht es erbarmungslos heraus "das Fette, an dem ich würge", möchte man mit Peter Handke sagen.

So also ist Österreich in jenen wahren Beiträgen, die in keiner Sendung vorkommen. Irgendwie erinnert alles an den perversen Kosmos von Manfred Deix, nur dass das Licht abgedreht ist und die kalten Monde an der Eisdecke der Nacht kratzen. Marek Miert ist wahrlich ein mondkalter Star in der muffigen Provinz!

Quelle: Pool Feuilleton, Helmuth Schönauer


Sachbuch

Friedrich Ortner: "Himmelfahrten. Höllentrips"

Der ORF-Reporter berichtet aus seinem Kriegs-Alltag. (GP)

Er ist der Mann mit der markanten Stimme und dem Wuschelmikrofon. "Friedrich Orter, der vermutlich beste Reporter des ORF" (Die Presse), liefert mit "Himmelfahrten. Höllentrips" einen sehr persönlichen Reisebericht über seine Einsatzgebieten in Pakistan, Irak, Iran, Libanon, Palästina und andere Kriegs- und Krisenschauplätze der Welt. Dieses Buch klärt - soweit möglich - die Frage, wie man als unabhängiger Berichterstatter mit dem täglichen Schrecken und den grauenvollen Bildern unterschiedlicher Kriege umgehen kann. Wie viel Grauen kann und darf man in die österreichischen Vorabend-Wohnzimmer bringen - wie viel Grauen, Ungerechtigkeit, menschlichen Wahnsinn kann man sich selber zumuten?

Sowohl in professioneller als auch in sehr persönlicher Hinsicht schildert Orter seinen Alltag, den er an Orten verbringt, von denen andere fliehen und seine Strategien für den Umgang mit dem schwierigen Job. Unbedingt empfehlenswert für alle Bestände!

Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Sabine Eidenberger


Kinderbuch

Emily Gravett: "Aufgeräumt"

Im Wald wohnt ein sehr fleißiger Dachs. Er hat es gerne ordentlich, darum gibt es für ihn immer genug zu tun: Er striegelt dem Fuchs das Fell, stutzt die Blumen, wäscht die Vögel, saugt alles Laub auf und poliert sogar die Steine. Selbst als die Bäume schon kahl und leer sind, ist er unzufrieden und reißt dem Wald die Bäume aus! Es dauert nicht lange, bis der Regen eine Schlammlawine mit sich bringt. Kein Problem für den Dachs! Denn alles Chaos wird fleißig mit Bagger und Trockenturbinen beseitigt und der Waldboden kurzerhand zubetoniert. Erst als der Dachs bemerkt, dass all die Käfer, die er gerne verspeist, unter dem Beton verborgen sind und er eine Nacht in einer Mischmaschine schlafen muss, da er auch den Eingang zu seinem Bau nicht mehr finden kann, wird ihm klar, dass er einen Fehler begangen hat. Am nächsten Tag macht er sich mit der Hilfe aller Waldtiere an die Arbeit und gemeinsam bauen sie den Wald wieder auf, wie er zuvor war. Zu guter Letzt verspricht der Dachs seinen Freunden, den Wald nicht mehr aufzuräumen.

Der Text dieses mit vielen entzückenden Zeichnungen illustrierten Bilderbuchs ist gut verständlich und in Reimform gehalten. Für den tieferen pädagogischen Wert hätte durchaus näher darauf eingegangen werden können, welche Folgewirkungen die Taten des Dachses auf die anderen Waldbewohner hatten. Doch auch so bietet das Bilderbuch eine nette kurze Geschichte. Empfehlenswert für Kinder ab 4 Jahren.

Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Barbara Sauter


Jugendbuch

Franz Sales Sklenitzka: "Nicht wirklich..."

Für David, einen aufgeweckten Dreizehnjährigen, erweist sich das Leben manchmal als ganz schön anstrengend. Eigentlich würde er nichts lieber tun, als sich gemeinsam mit seinen Freunden stundenlang neuesten Computerspielen zu widmen. Aber sein Vater macht ihm dabei regelmäßig mit einem geradezu unglaublichen Gefühl für schlechtes Timing einen Strich durch die Rechnung. Beseelt vom hehren Wunsch, den hoffnungsvollen Sprössling auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens wie Kunst und Kultur vorzubereiten, lässt der Vater nichts unversucht, David von der virtuellen Welt fern zu halten.

Mit Humor und Gespür für Situationskomik schildert Sklenitzka Familienszenen, die sicher vielen bekannt vorkommen werden und nicht nur Kindern ab 12 Jahren ein hohes Maß an Identifikationsmöglichkeiten bieten.

Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Anita Ruckerbauer

Buchtipps Herbst 2019

Belletristik

Birgit Birnbacher: "Wir ohne Wal"

Bachmann-Preisträgerin 2019!

Es sind Geschichten von jungen Menschen, deren Wege sich ab und zu kreuzen, was unvermeidlich ist in der Kleinstadt, in der sie wohnen. Sie suchen nach Halt, Freundschaft oder einfach nach der nächsten Party, dem nächsten Trip. Das Leben jedoch bietet einige Herausforderungen: Allein in einer Wohnung zu sein und den Tag zu meistern, wenn schon das Aufstehen Überwindung kostet. High ein Verbrechen zu begehen und dafür geradestehen zu müssen. Zusehen wie eine Frau von der Brücke springt. Manch eine wandert aus und beginnt ein neues Leben. Die Daheimgebliebenen treffen sich auch nach Jahren noch an denselben Orten wie zuvor, essen eine Kleinigkeit bei Erkan und spazieren durch die Bergstraße. Die Figuren behaupten sich, auch wenn es ihnen die Umstände nicht immer leicht machen.

Ein melancholisches Buch über das Erwachsenwerden, die Trübheit einer Kleinstadt und ein bisschen auch darüber, wie man dieser entkommen kann.

Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Katharina Ferner


Krimi

Claus-Ulrich Bielefeld und Petra Hartlieb: "Auf der Strecke"

Xaver Pucher hätte es noch weit bringen können. Doch jetzt ist er tot, der Starautor, ermordet im Schlafwagen zwischen Wien und Berlin. So beginnen große Geschichten und so lernen die LeserInnen zwei Originale kennen. Die präzise-quirlige Ermittlerin Anna Habel und den knurrig-retro-zurückhaltenden Thomas Bernhardt. Ja, wie sonst soll der Ermittler wohl heißen, wenn hier die Buchhändlerin Petra Hartlieb und der Literaturkritiker Claus-Ulrich Bielefeld zusammen einen Krimi schreiben. Da muss ein bisschen Bernhardt - ja, den richtigen schreibt man doch anders! - rein und die Frankfurter Buchmesse ist fixer Handlungsort des ersten Falls des Duos. Xaver Pucher wollen wir nun aber nicht vergessen, er hatte eine wirklich heiße Geschichte auf Lager. Dazwischen trifft man auf weitere Originale, sowohl in Wien als auch in Berlin, etwa auf die etwas verwirrte Nachbarin einer Zeugin - oder war es doch eine Verdächtige?

Das Autorenduo geizt nicht mit falschen Spuren, hat auch den Mut, eine Verzweifelte in den Tod springen und die Wohnung der Ermittlerin Anna Habel aufbrechen und durchsuchen zu lassen. Große, echte Gefühle zwischen schnoddrigen Dialogen, coolem Geblödle, Berliner-Schnauze gegen Wiener-Schmäh-Gerangel: Ein sehr empfehlenswertes Buch, der Mord wird übrigens aufgeklärt. Geht doch, würde Anna Habel sagen.

Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Christina Repolust


Sachbuch

Manuela Macedonia: "Beweg dich! Und dein Gehirn sagt Danke"

Wir sitzen alle viel zu lange vor dem Bildschirm, wir bewegen uns viel zu wenig, vernachlässigen unseren Körper und öffnen damit Tür und Tor für Zivilisationskrankheiten, die unser Leben verkürzen! Diese Tatsachen werden uns in tausenden Zeitungsartikeln, Broschüren und Büchern mit mehr oder weniger Erfolg in Erinnerung gebracht. Die Neurowissenschaftlerin Dr. Manuela Macedonia, die sich am Max-Planck-Institut Leipzig mit den neurowissenschaftlichen Grundlagen des Lernens beschäftigt, legt den Focus ihres Buches darauf, wie sich eine gesündere, bewegungsorientiertere Lebensweise auf unser Gehirn auswirkt. Sie präsentiert eine Fülle von wissenschaftlich belegten Beweisen, das sich der Hippocampus nur dann richtig entwickeln kann, wenn sich der Mensch regelmäßig im aeroben Bereich bewegt. Die Blutgefäße werden stärker, es wachsen sogar neue hinzu, man wird durch die Bewegung kreativer und bekommt im fortgeschrittenen Alter mehr kognitive Kontrolle über das eigene Leben. Für viele LeserInnen ist es vielleicht eine interessante Erkenntnis, dass die gewünschte Verbesserung der geistigen Fähigkeiten bei intensivem Intervalltraining und beim kräftezehrenden Marathonlauf ausbleibt.

Ein Buch, das man unbedingt lesen sollte!

Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Johannes Preßl


Kinderbuch

Mo Willems: "Das Buch über uns"

Ich glaube, wir werden beobachtet, sagt Elefant Gerald misstrauisch zum Schweinchen, worauf dieses kritisch leser_innenwärts blickt. In den Sprechblasen der nächsten Seiten entspinnt sich ein Dialog, der den Leseprozess ebenso wie das Buch in seiner Medialität reflektiert. Schweinchen und Elefant – mit wenigen Strichen und Farbflächen im Weißraum inszeniert, lassen das lesende Kind an der Geschichte teilhaben. Es wird zum Laut- und Wiederlesen aufgefordert. Das Aktivbuch lässt die Grenzen zwischen Lesenden und Figuren, zwischen Buch und Außenwelt, aktiv und passiv, verschwimmen.

Quelle: STUBE


Jugendbuch

Alex Rühle: "Traumspringer"

Leon ist ein Junge, der in der Schule gerne aus dem Fenster starrt und vor sich hinträumt. Als er eines Tages vor dem Fenster eine schwarze Fledermaus entdeckt, wird er stutzig. Immer wieder trifft er auf Fledermäuse, und als er mit seiner Schwester im Zoo ist, findet er einen Kiosk, an dem ihm ein Mann einen schwarzen Kaugummi anbietet. In dieser Nacht träumt er von diesem Mann und zwar, dass dieser in seinem Klassenzimmer sitzt. Das Klassenzimmer sieht jedoch anders aus: Überall liegen Sitzsäcke und es gibt Hängematten. Nur die Tafel ist gleich. Der merkwürdige Mann wischt mit dem Tafeltuch über die Tafel und es erscheint ein schwarzer Tunnel. Als Leon den Tunnel betritt, findet er sich selbst schlafend in seinem Zimmer. Leon ist nämlich ein Traumspringer und er kann in die Träume von anderen Menschen springen. So erlebt er viele spannende Abenteuer.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da es sehr gruselig und spannend ist und ich gerne Bücher lese, die in diese Richtung gehen. Es ist sehr fantasievoll und ich bewundere den Autor für die vielen außergewöhnlichen Einfälle, durch welche die Geschichte so richtig interessant wird. Ich finde das Buch besonders empfehlenswert, weil es sowohl Mädchen als auch Jungen anspricht und es von 15-Jährigen bestimmt genauso gerne gelesen wird wie von 12-Jährigen.

Quelle: bn.bibliotheksnachrichten, Sarah Atzlesberger, 12 Jahre